Was ist Politik und was ist Geo?
Der Begriff Geopolitik setzt sich zusammen aus der wissenschaftlichen Disziplin der Geografie oder Erdkunde und dem nebulösen Begriff Politik. Dieser bezeichnet das menschliche Streben nach Ordnung und Gestaltung. Oder doch eher – und hier wird es spannend – nach Macht und Kontrolle?
Die Geografie oder Erdkunde ist eine Disziplin, die sich mit der räumlichen Struktur und Entwicklung der Erdoberfläche seit der Entstehung des Planeten befasst. Die Erdkunde zeigt die Erde aber auch als unseren Raum und Ort - den einzigen Ort, an dem wir Menschen sein können und der unser aller gemeinsame Heimat ist.
Wir schimpfen gerne über Politiker, deren ausweichende Aussagen oder rhetorisch erscheinende Debatten und daraus resultierende Entscheidungen - häufig zu Recht! Das ist aber nicht unbedingt die Schuld der Akteure. Unser politisches System ist nur so gut wie wir alle gemeinsam es machen. Es beruht darauf, dass eine Mehrheit von uns Bürgern gewählten Politikern die Macht erteilt, in unserem Sinn gestalterisch tätig zu werden. Ein Dilemma dabei ist, dass der Machterwerb der Gestaltung voraus geht. Heute gewinnen wir gar den Eindruck, es gehe primär um den Erhalt und die Verteidigung dieses Machtanspruchs – und weniger um die Gestaltung unserer Gesellschaft, dem eigentliches Ziel des demokratischen Prozesses. Dieser Eindruck verstärkt sich häufig noch, wenn sich Mächtige eines Staates nicht durch ihr Volk legitimieren lassen.
Die Frage ist: Wo ist die Energie?
Geopolitik ist folglich der Anspruch der Mächtigen, in unserem Auftrag Räume – und vor allem alles was in diesen steckt – zu kontrollieren, sie zu gestalten oder zu ordnen. Befinden sich die Kraftquellen für Gestaltung und Ordnung, die Energieträger, in fremden Territorien, müssen Entscheider ihren Machtanspruch dorthin ausweiten, wo andere Mächtige Raum und Ressourcen kontrollieren. Unter beträchtlichem Aufwand wird nun ermittelt, wer stärker ist, wer hat das größere Gefolge und die besseren Waffen? Dieses Verhalten kommt unter den Augen globaler Öffentlichkeit zusehends schlechter an und isoliert heute auch den Sieger.
Das Kräftemessen verlagert sich daher verstärkt in den Bereich der Wirtschaft und der Diplomatie. Bestenfalls ergeben sich Win-Win-Situationen, wie sie der ideale Marktplatz vorsieht. Oftmals bauen die Mächtigeren aber Druck auf und kontrollieren das Marktgeschehen zu ihren Gunsten. Es kommt zu Reibungsverlusten, diplomatischen Krisen, manchmal zu Kriegen und bezogen auf die fossilen Energieträger in wenigen Jahren zum ultimativen Wettlauf um die letzten Reserven. Nehmen wir unseren Planeten dank Globalisierung nun endlich als den einen Raum wahr, der die Erde ist, erscheinen nationalstaatliche Rangeleien von Klimakonferenzen bis hin zum Krieg als furchtbar Kräfte zehrende, ineffektive Familienstreitigkeiten im Wohnzimmer.
Jenseits nationaler Staatsgrenzen herrschen Wirtschaft und Chaos
Geopolitik im Zusammenhang mit der Energiefrage wirkt also über die deutschen Staatsgrenzen, auch über europäische Grenzen hinaus. Das Dilemma dabei ist, dass bis heute die Verbindlichkeit politischer Entscheidungen an nationalstaatlichen Grenzen endet. Anders ist hingegen die Situation der großen, multinationalen Unternehmen und Konzerne. Ihr Streben nach Marktanteilen und Profit kennt nur wenige Hemmnisse und Grenzen. Die Welthandelsorganisation (WTO) regelt den Zugang zu internationalen Märkten im Sinn schnellstmöglicher Ausbreitung der Marktmechanismen in alle Regionen des Planeten und häufig gegen solche Interessen, die nicht durch kommerziellen Erfolg bestimmt sind.
Um Machtansprüche jenseits des eigenen politischen Hoheitsgebiets durchsetzen zu können, verbünden sich Politik und Wirtschaft. Erfolgreiche internationale Politik ist in erster Linie Wirtschaftspolitik. Wirtschaftliche Macht wiederum steht in direktem Zusammenhang mit politischem Einfluss. Angesichts der globalen Herausforderungen von über einer Milliarde hungernder Menschen und den Auswirkungen des Klimawandels greifen jedoch Profitinteressen der Konzerne und Abgaben großer Konzerne für Staatshaushalte viel zu kurz.
Deutschland als wichtigste Exportnation ist allerdings genau auf die daraus resultierenden Erfolge angewiesen. Auch als großer Importeur von Roh- und fossilen Treibstoffen hat die Bundesrepublik Interesse und regen Anteil an geopolitischen Zusammenhängen. Die Entsendung von Militär nach Afghanistan beispielsweise ist eine Ersatzleistung Deutschlands für die Nicht-Beteiligung am letzten Irakkrieg der USA. Heute wissen wir, dass der sogenannte Militärisch-Industrielle Komplex – die Gruppe der US-Großkonzerne aus den Bereichen Rüstung und Energie, das Militär und ein Teil der Politik - großes Interesse an diesem Feldzug hatten, um Militärgüter zu verkaufen, zu testen und Kontrolle über die zweit größten Ölvorkommen der Erde zu erlangen. In Deutschland wird nun die Forderung nach ziviler Aufbauhilfe für Afghanistan, zum Beispiel den Aufbau von Polizei-, Bildungs- und Energiestrukturen, lauter.
Treib-Stoffe
Strom ist immer da und das Benzin kommt aus der Zapfsäule. Doch gerade bei diesen beiden Produkten geht es nicht nur um deren Erzeugung, Angebot und Nachfrage. Ihre Bedeutung für unsere Art zu leben ist gewaltig, ja existenziell. Man stelle sich ein Leben in Berlin, München oder Hamburg ohne Kohlestrom und Benzin vor. Wir gehen davon aus, ohne unsere technischen Rahmenbedingungen nicht wohlhabend und zufrieden sein zu können. Permanenter Konsum ist zudem der Treibstoff, das Blut in den Adern einer Gesellschaft, die glaubt, wirtschaftlich wachsen zu müssen und deren Innensicht geblendet ist vom Schein massiv beworbener Produkte.
Daher wird auf politischer, diplomatischer und sogar auf militärischer Ebene permanent irgendwo auf der Welt darüber nachgedacht, wie wir den Nachschub zur Herstellung von Konsumgütern und Treibstoffen für unsere Maschinen sichern können. Es wird aber nicht nur gedacht. Es wird auch gehandelt. Überall dort, wo heute fossile Energieträger gefunden oder vermutet werden, konkurrieren Staaten, buhlen Diplomaten und Ölfirmen um das Recht, Öl und Gas für Ihren Markt sichern zu dürfen, denn diese Rohstoffe werden knapp. So ist China schon seit einigen Jahren an vielen afrikanischen Standorten mit Entwicklungshilfeprojekten befasst – überall dort, wo wichtige Ressourcen vermutet werden. Aber China kopiert nur, was etablierte Konsumnationen vormachen.
Das technisch erreichbare weltweite Fördermaximum für Öl und Gas ist Experten zufolge jedoch erreicht. Die schrumpfenden Reserven in der Erdkruste lassen nicht zu, dass wir zu vertretbaren Kosten mehr fördern als zuvor. Diesen Zeitpunkt bezeichnen wir als den Peak, den Gipfel der Fördermenge. Zu diesem Zeitpunkt steht uns mehr zur Verfügung als je zuvor!
Auf dem Gipfel - aber was geschieht dann?
Die heutige Situation stellt sich anders dar als zum Beispiel die geopolitische Ölkrise der siebziger Jahre: Zu der geopolitischen Ebene und der Frage, aus welcher Region wir unsere fossilen Rohstoffe beziehen – kommt nun das Phänomen echter Knappheit. Wo gibt es in Zukunft noch den begehrten Rohstoff? Wer strebt ebenfalls den Zugriff an? Und vor allem: Wie weit übersteigt die weltweite Nachfrage in Zukunft das schrumpfende Angebot? Denn nicht erst dann, wenn uns das Öl, das Gas oder die Kohle und das Uran ausgehen, wird es ungemütlich, sondern dann, wenn Marktmechanismen echte Knappheit zu signalisieren beginnen: Der Preis steigt immer weiter an – die Menge des Konsumguts nimmt immer weiter ab. Da wir das erworbene Produkt aber verbrennen, benötigen wir ständig Nachschub. Was folgt, ist eine infinite globale Energiekrise, wie wir sie kurzfristig in den 1970ern erlebt haben.
Dabei liegt die Lösung für das Problem, dass wir etwas Versiegendes jagen und dabei die friedliche Entwicklung einer Weltgesellschaft verhindern, auf der Hand: Stellen wir uns vor, es gäbe Energieträger, die überall auf der Welt vorkommen, unendlich lange verfügbar sind und zum größten Teil auch noch kostenlos vom Himmel fallen - aber das ist eine andere Geschichte.