Afghanische Kinder vor einer Ruine in der Nähe der afghanischen Hauptstadt Kabul

Energie und Krieg

Seit geraumer Zeit lässt das US-Militär die Ursache von Kriegen analysieren. Fazit: Auch heute ist die Kontrolle über Ressourcen eine der Ursachen für gewalttätige und militärische Auseinandersetzungen. Und es geht vermehrt um Energierohstoffe. Öl und Erdgas, Mineralien und Metalle, Edelsteine, Bau- und Edelholz, Agrarerzeugnisse, Kaffee und Drogen spielten während der 1990er Jahre in rund einem Viertel der bewaffneten Konflikte eine wichtige Rolle. Mehr als fünf Millionen Menschen dürften den Rohstoffkonflikten der neunziger Jahre zum Opfer gefallen sein. Fast sechs Millionen Menschen flohen aus ihrer Heimat. 11 bis 15 Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Man stelle sich eine solche Situation für sich selbst und seine Familie vor.

Hinweise für diese Entwicklung finden sich auch in Dokumenten westlicher Sicherheitspolitik. Nachdem es dem Präsidenten James Carter 1979 trotz der traumatischen Erlebnisse der Ölkrisen des Jahrzehnts nicht gelungen war, gegen die mächtigen Ölkonzerne ein moderates Einsparprogramm bei Öl in den USA zu implementieren, setzte er statt dessen eine Direktive zur Bildung einer Nahost-Einsatztruppe zur Sicherung von Öl durch. Erster Kommandeur dieser Truppe war General Norman Schwarzkopf Junior. Seit dem Ende des Kalten Kriegs waren die USA direkt in kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen Osten involviert. Oberbefehlshaber im Zweiten Golfkrieg gegen den Irak 1991 war: General Schwarzkopf. Die NATO-Doktrin beinhaltet den Auftrag zur Sicherung von Rohstoffquellen. Und das Weißbuch der Bundeswehr enthält einen unter Verteidigungsminister Jung eingefügten Passus, der diese beauftragt, Rohstoffquellen zu sichern.

Ressourcenkriege
Aufgrund der existenziellen Bedeutung von Rohstoffen, insbesondere fossiler Energieträger, dürfen diese Aufträge nicht verwundern. Selbstverständlich sind Energieressourcen nicht immer alleinige, offensichtliche Ursache oder Auslöser eines Konflikts mit Waffengewalt. Anderswo leiden Menschen unter den klimatischen Folgen der Emission Klima relevanter Gase und erkämpfen sich den Zugang zu gemäßigteren Klimazonen, Wasser und fruchtbarem Land. Ressourcenreiche, aber ansonsten arme und politisch instabile Staaten leiden häufig unter rivalisierenden Gruppen. Diese sichern sich die Kontrolle über Rohstoffe, indem sie diese auf dem Weltmarkt an Konzerne verkaufen, um sich mit dem Erlös bei anderen Konzernen, mit Waffen für die Fortsetzung des Kampfes zu versorgen. Auch in Deutschland tragen die Konsumenten fossiler Energieträger daher ungewollt zur Destabilisierung und zur Abwesenheit von Frieden in vielen Regionen unseres gemeinsamen Planeten bei – bislang ohne dies prinzipiell ändern zu können.

Paradebeispiel: Krieg im Irak
Am spektakulärsten ist in diesem Zusammenhang sicherlich der vergangene Dritte Golfkrieg „gegen den Terror“ der USA im Irak. Der damals verantwortliche US-Präsident George W. Bush, ehemaliger Manager verschiedener Ölfirmen, sein Vizepräsident Dick Cheney, ehemaliger Chef des Öldienstleistungsunternehmens Halliburton, die Sicherheitsberaterin Condolezza Rice, zuvor im Aufsichtsrat des Ölkonzerns Chevron, Handelsminister Donald Evans, vor seiner Amtszeit Präsident der Erdölgesellschaft Tom Brown und die Staatssekretärin im Handelsministerium Kathleen Cooper, zuvor als Chefökonomin bei Esso, suggerierten der verdutzten Weltöffentlichkeit, der Irak bedrohe den Bestand der USA. Esso hatte im Wahlkampf vermutlich mehr als eine Million US-Dollar an die Republikaner und den damaligen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush gespendet. Entsprechend wenig überrascht war die Öffentlichkeit dann, als die angreifenden Truppen der Sicherung von Ölquellen höhere Priorität einräumten als dem Schutz von Zivilisten, Krankenhäusern und anderen schnell geplünderten Einrichtungen.

Der Journalist Franz Alt reduziert die zu erwartende Entwicklung auf wenige Worte: „Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne“. Entweder werde kurzfristig auch Waffengewalt um schwindende fossile Ressourcen konkurriert oder eine durch die Solarenergie befriedete und ökologisch beruhigte Welt realisiert. Wenn der hundertprozentige Umstieg auf erneuerbare Energien nicht gelinge, bevor die fossilen Ressourcen nicht mehr für alle Nachfrager zur Verfügung stehen, werde der Energiehunger der Industriestaaten auch für diese zu einer großen Gefahr. Folglich geht es nicht darum, ob die Menschheit das solare Zeitalter einläutet. Es geht darum, unter welchen Umständen und auf welchem kulturell-ethisch-moralischen Niveau wir diesen Zustand erreichen werden.