Kontrolliertes Feuer nutzte der Mensch lange, bevor sich Sprache entwickelte

Eine kurze Geschichte der Energie

Energie - elektrischer Strom, Licht, Wärme, Kraft und daraus resultierende Bewegung - erscheint einem Viertel der Menschheit selbstverständlich und stets verfügbar. Den Begriff Energie selbst verwenden wir zur Benennung externer nutzbarer Kraft seit nicht einmal 200 Jahren. Über die heute dominierenden Methoden zur Energiegewinnung, die Verbrennung fossiler Rohstoffe, wissen die meisten von uns wenig. Wir machen uns selten klar: Diese Methoden sind weder Anfang noch Ende. Sie sind ein kurzes Kapitel in der jüngsten Geschichte des Menschen. Der muss langsam lernen: Was wir da nutzen ist Klima schädlich, in Kürze verbraucht und schon deshalb zu schade zum Verbrennen. So benötigen wir das schwindende Rohöl dringend als Grundstoff für Medizin oder Kunststoffe. Die Alternativen zu Verbrennungsprozessen sind von Anfang an da gewesen. Sie werden noch da sein, wenn wir über die Nutzung von Kohle, Öl und Uran nur noch aus Geschichtsbüchern erfahren oder Endlagerstätten für Atommüll betreuen. Und sie werden unser Selbstverständnis von Energiegestehung und –konsum, vielleicht sogar unser Verständnis von Gemeinschaft, verändern.

Am Anfang waren Feuer, Wind und Wasser
Die bewusste Nutzung von Energie begann vor mindestens 300.000 Jahren. In der Region des heutigen China finden sich Überreste eines Lagerfeuers, das vor 600.000 Jahren gebrannt haben mag. Weniger gesicherte Quellen gehen davon aus, dass unser Planet 800.000 mal die Sonne umrundet hat, seit unsere Vorfahren in den Regionen des heutigen Kenia und Israel Feuersteine aneinander schlugen. Feuer wurde also gebändigt, lange bevor Menschen Sprache und Schrift beherrschten – neben der Nutzung der Flamme die wichtigste Voraussetzung für unsere Entwicklung. Dieses Prinzip zur Umwandlung von Energie hat bis heute überdauert. Die Verbrennung liefert seither Licht, Wärme und Hitze, zum Beispiel zur Zubereitung von Nahrungsmitteln oder zur Erzeugung von Dampf, der in geschlossenen Zylindern Druck auf Kolben ausübt, den diese wiederum auf stählerne Räder übertragen, die die Eisenbahn zum Leben erwecken.
Auch die Nutzung der anderen Energien, die wir heute als „Regenerative“, „Erneuerbare“ oder „Alternative“ bezeichnen, ist nicht neu. Sie findet sich nachweislich seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert. Erste Wasser - etwas später auch Windmühlen - werden in dieser Zeit in China, dann Griechenland genutzt und ab dem neunten Jahrhundert auch für Persien dokumentiert. Ohne die Nutzung der Kraft des Windes oder des fließenden Wassers hätten sich viele Kulturen nicht entwickelt.
So waren bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Windmühlen in ganz Europa verbreitet. Sie fanden sich auch nördlich der Mittelgebirge im europäischen Tiefland und in Frankreich. Einen Schwerpunkt bildeten die Niederlande, wo auf relativ kleinem Raum rund 10.000 Windmühlen im Einsatz waren. Im heutigen Rheinland-Pfalz stehen Ende 2009 gerade mal knapp 1.000 Anlagen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Deutschen Kaiserreich vor allem Getreide mit über 18.000 Wind- und 54.500 Wassermühlen gemahlen. Dem standen damals aber bereits rund 58.500 Betriebe gegenüber, die mit Dampfkraft arbeiteten. Die erste industrielle Massenfertigung von Windenergieanlagen erfolgte in den USA: Von 1860 bis 1930 wurden etwa sechs Millionen „Westernräder“ für Grundwasserpumpen verkauft. 

Was dachten die Holzfäller der Osterinseln als der letzte Baum fiel?
Das wissen wir nicht. Klar ist aber: Öl, Kohle, Erdgas und Uran sind noch endlicher als die verschwundenen Bäume dieser Inseln. Die fossilen Ressourcen, einmal aus der Erde gefördert und verbrannt, wachsen nicht nach. Das Verbrauchen der Wälder als Energieträger und Baustoff führte die Menschheit bereits im Mittelalter vielerorts in die lokale Katastrophe. So ging die Zivilisation auf den Osterinseln mit großer Wahrscheinlichkeit ab 1400 zu Grunde, weil alle Holzrohstoffe aufgebraucht worden waren. Die Inselgruppe zeigt eindrucksvoll das Prinzip der Übernutzung natürlicher Ressourcen in kleinem Maßstab und den Preis, den der Mensch dann zahlt: Den gnadenlosen Kampf um das eigene Überleben und schließlich den Untergang der eigenen Kultur.

Brüllende Monstren retten Zivilisationen
Auch global hätte der Menschheit im 20. Jahrhundert dieses Schicksal gedroht, wenn nicht andere endliche Energieträger entdeckt worden wären: Kohle, Öl und Gas. Die fossilen Energieträger lösten Holz - zumindest als wichtigsten Energieträger - ab. Aber auch die Jahrtausende lang genutzten, emissionsfreien „Urkräfte“ Wind und Wasser wurden durch gewaltige, brüllende, qualmende, stinkende Maschinen verdrängt, die ab 1750 als Zeichen der Ersten Industriellen Revolution ihre Umgebung erzittern ließen. Der 1839 entdeckte fotoelektrische Effekt wurde wieder vergessen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, außerhalb unseres Planeten und ohne Sauerstoff, erinnerte man sich der Methode, Sonnenstrahlen in Strom zu wandeln. Waren bereits viele Regionen der Erde, so der Mittelmeerraum, bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts weitgehend entwaldet, kam die Umstellung auf die fossilen Energieträger aus der Erdkruste für Nordeuropa rechtzeitig, um hier Erosion, das Absinken des Grundwasserspiegels und lokale Klimaveränderungen zu verhindern – vorläufig.
Mit der Nutzung des Erdöls ab 1890 traten Europa und die USA in die Zweite industrielle Revolution ein. Seither ermöglichen gebändigte aber Kohlendioxid freisetzende Explosionen in Motoren, stählernen Zylindern, eine schnelle Verschiebung militärischer Verbände, individuelle Mobilität, das interkontinentale Fliegen und das weltweite Bewegen gigantischer Produktmengen in kürzester Zeit.

Öl: permanente Blutspende für westliche Lebensart
Im Unterschied zu Kohle fanden Briten, Amerikaner, Deutsche, Franzosen und auch Japaner die nötigen Ölvorkommen jedoch schon bald nicht mehr unter den eigenen Territorien. Daher verlagerte sich das Interesse der Großmächte während der letzten Phase des Zeitalters des Kolonialismus. Nicht mehr Gold, Diamanten, Tee, Gewürze, Seide oder Porzellan aus Indien, Afrika und dem Reich der Mitte waren entscheidend. Von nun an und bis heute sind es überwiegend die Regionen des Mittleren Ostens, die den Westen pulsieren lassen: die Welt des Öls – und des Islam.
Bis heute dauert der massive Einfluss der Industriestaaten auf das ölreiche Arabien, den Orient und andere Ölregionen an: Alte Reiche wurden zerschlagen, neue Staaten errichtet, Völker vertrieben und am Zugang zu Regionen gehindert, Einflusssphären von einer Großmacht auf die nächste übertragen, Großmachtstatus gingen verloren, Supermächte erlangten die Kontrolle – nicht nur, aber vor allem wegen und über Erdöl.
Wie bedeutend das „Schwarze Gold“ für unseren Alltag ist, zeigt eine Reihe von Ölkrisen seit Beginn dessen Nutzung. Besonders 1973 und 1979 lösten politisch motivierte Ölpreiserhöhungen im Mittleren Osten erste große wirtschaftliche Rezessionen nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa aus. In den fünfziger Jahren führten auch der Putsch im Iran und am Suez zur Umstellung der französischen Stromversorgung auf die Atomkraft, die nun als Dampferzeuger die Kohle zu ersetzen begann.
Vermehrt seit 2005 wird der Begriff des Peak Oil oder Ölgipfels und seiner Auswirkungen in der Öffentlichkeit diskutiert. Der Begriff meint, dass nun die Hälfte des Erdöls unseres Planeten verbraucht ist. Es geht aber vor allem um die zu erwartenden Folgen einer dennoch wachsenden Nachfrage nach Erdöl und –gas bei gleichzeitig unwiderruflich sinkendem Angebot. Das globale Ölfördermaximum ist vielen Experten zufolge bereits überschritten  - bestenfalls in Kürze erreicht. Die Folge ist ein Anstieg des Preises für alle Erdöl haltigen Produkte sowie Erdgas, dessen Vorhandensein mit der Erdölmenge zusammen hängt. Hiervon betroffen ist nicht nur der Autofahrer. Schauen wir uns zu Hause um, entdecken wir in fast jedem Raum Öl in veredelter Form.

Atomkraft: ein teuer Wimpernschlag in der Geschichte der Energie
Das Prinzip der Radioaktivität wurde 1890 entdeckt und besonders intensiv in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erforscht. Die Atomkraft beruht auf der Spaltung der Kerne radioaktiven Materials. So setzt die massenhafte Spaltung von Urankernen große Energiemengen frei und führt zur Bildung von Plutonium, einem der gefährlichsten Stoffe der Welt. Dies wurde erstmals gegen Ende des Zweiten Weltkriegs demonstriert, als 80% der japanischen Stadt Hiroshima und zwischen 90.000 und 200.000 Menschen auf einen Schlag durch die Detonation einer amerikanischen Atombombe vernichtet wurden.
Auch Uran ist ein begrenzt vorhandener Stoff. Spätestens 2070 dürfte er zur Neige gehen. Trotz dessen Toxizität wurde bis in die achtziger Jahre Atommüll von einigen Staaten zum Beispiel im Meer versenkt. Die so genannte Wiederaufbereitung wurde dann aus politischen Gründen realisiert: Da keine Endlagerstätten bereit standen, durfte Atommüll nicht Müll sein – und folglich auch nicht entsorgt, gelagert werden. Daher wurde der Öffentlichkeit ein Recycling-Prozess suggeriert. Dieser führt jedoch zu einer Verzehnfachung der radioaktiven Müllmenge. Der Vorgang produziert gasförmige und flüssige Emissionen, die bis heute vorbehandelt in die Umwelt entlassen werden, sich global über die Meere verteilen und langsam in der Nahrungskette anlagern.
Bei keinem anderen Thema wird uns so sehr vor Augen geführt, wie weitreichend menschliches Handeln heute sein kann. Die Atomenergie, seit Ende des Zweiten Weltkriegs für nur wenige Prozent der Menschheit als Energiequelle relevant, wird die gesamte Menschheit noch lange beschäftigen. Der Abbau von Uran in Kanada, Australien, Afrika und den Staaten der GUS führt dort zu schleichender Vergiftung. Dies wird hier bei uns jedoch weitgehend ignoriert.
Die leichtfertige und ungenügende Entsorgung in vielen bislang dünn besiedelten Gebieten der Erde wird dereinst Volkswirtschaften belasten. Und auch die angestrebte langfristige und sichere Lagerung hochradioaktiver Abfälle in den Nutzerstaaten bedeutet eine andauernde hohe volkswirtschaftliche Schuld in der Zukunft dieser Staaten und seiner Bürger. Darüber hinaus sind Atomkraftwerke - wie die Katastrophe von Tschernobyl 1986 gezeigt hat und je länger diese am Netz sind - immer störanfälliger (siehe auch Störfallstatistik des IPPW vom Juni 2010).

Vergangenheit und Zukunft: groß und dumm wird klein und clever
Heute ist der Stromsektor weitgehend privatisiert. Wir werden zu über 100% mit elektrischer Energie versorgt. Diese wird überwiegend in unflexiblen, großtechnischen Anlagen an wenigen Standorten zentral erzeugt. Und das Prinzip der Großtechnik stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Der Energiesektor ist heute zudem monopolartig strukturiert. Nur wenige Konzerne kontrollieren die Großkraftwerke, die Verteilernetze für Strom – und sehr viel Geld. Dieses nur scheinbar funktionierende System mit seinen mächtigen Akteuren folgt dem Selbsterhaltungstrieb von Systemen. Die Akteure argumentieren händeringend, um den eigenen Fortbestand zu sichern. Sie agieren dabei konsequent im Sinne des Marktprinzips von Angebot und Nachfrage, das nur die Gegenwart kennt. Das politische Lobbyismus-System, das die Interessen besonders mächtiger Akteure besonders nachdrücklich in politischen Kreisen bewirbt, unterstützt das Beharren des Energiesektors. Jetzt muss dieser dennoch aus Vernunftgründen, mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit der Menschheit, vollständig reformiert werden.
Das neue System wird das genaue Gegenteil des bisherigen sein: gemeinschaftlich, kleinskalig, flexibel, dezentral, mit vielen Bürgern als Energielieferanten – als Unternehmer.

Die Revolution im Kopf - handeln, bevor es weh tut
Paradox mag uns erscheinen, dass wir handeln müssen, bevor wir die destruktiven Auswirkungen des jetzigen Energiesystems konkret und schmerzhaft erfahren können: Das Kind darf sich die Finger an der Herdplatte kein erstes Mal verbrennen – pädagogisch eine riesige Herausforderung und historisch ohne Beispiel. Doch die zu erwartenden Schäden gemahnen uns, sie auf gar keinen Fall eintreten zu lassen; sie wären global, massiv und träfen die Unbeteiligten besonders hart. Auch die volkswirtschaftlichen Schäden wären so beträchtlich, dass die Lebensqualität fast aller Menschen fundamental erschüttert würde. Wir riskieren, keine zweite Gelegenheit zu bekommen, um aus dem Fehler überhaupt noch lernen zu können. Zumindest wären die Handlungsoptionen der dann lebenden Generation massiv beschränkt. Globale Prävention ist neu und verlangt von uns die Aufgabe der Versuch-und-Irrtum-Methode.